Qualitätsmanagement oder der Abschied vom Perlenarmband

Qualitätsmanagement ist wichtig. Es hilft bei der Strukturierung von Arbeitsvorgängen, von Inhalten, bei der Selbstreflexion und somit der Qualität der Arbeit. Soweit die Theorie. Auch bei den Hebammen hat QM Einzug gehalten. Wir halten uns daran und die Krankenkassen zahlen den Hebammen etwas mehr Geld. Ehrlich gesagt, müssen wir QM machen. (Zu den Vorgaben geht es hier.) Da kann man leider nicht sagen, dass man nicht will. Wir besuchen dafür Schulungen, für die wir Geld bezahlen, bei denen uns erklärt wird, wie wir die Vordrucke benutzen und an unsere Arbeitsweise anpassen. Wie wir Verfahrensanweisen erstellen, Notfallpläne zur Verlegung parat halten und wir die Patientinnen über den Datenschutz aufklären. Also, bitte keine Daten übers Telefon oder per E-Mail mehr annehmen. Und die hebammeneigene Webseite muss erst mal auf SSL und DSGVO überprüft werden. Wenn Hebamme überhaupt weiß, was das ist. Dadurch wird schon mal die eine oder andere Webseite zwangsweise lahm gelegt. Der Datenschutz ist nicht gesichert. Drama!

Ketzerei

Jetzt wird es ketzerisch: Ich bezweifle stark, dass QM meine Arbeit verbessert. Ich habe nur noch mehr Papier, das ich ausfülle oder verteile. Es müssen nun erst mal Verträge beim Hausbesuch verteilt und die Erreichbarkeit erklärt werden. Sicher, Hebammen verdienen ihr Geld mit der freiberuflichen Arbeit und vom Handwerker möchte ich auch einen Kostenvoranschlag, bevor er anfängt. Es muss klar sein, dass ich meinen Lebensunterhalt mit der Arbeit verdiene und das Hebammerei kein Hobby von Frauen ist, die einen reichen Mann haben. Aber bitte, ich hatte vor dem QM auch schon einen Plan: welche Fortbildungen ich noch machen möchte, dass ich dringend Kolleginnen zur Vertretung brauche, dass ich beim Ausfall der elektronischen Waage Ersatzbatterien oder eine zweite Waage dabei habe, dass ich meine Hebammentasche regelmäßig überprüfe und Sachen aussortiere. Ich soll Rückmeldungen von den Frauen einholen, wie zufrieden sie mit meiner Arbeit waren. (Ich sage nicht Patientinnen, auch wenn das professioneller wäre. Mittlerweile wird auch schon mal von Kundinnen gesprochen.) Die Rückmeldung soll gerne in Form eines Feedbackbogens gegeben werden, den die Hebamme am Ende der Betreuung austeilt. Die Frauen können dann ankreuzen, ob sie mit mir zufrieden waren oder auch nicht. Anonymität geht da leider nicht. Wer sagt denn dabei die Wahrheit? Wie soll man denn eine ehrliche Rückmeldung bekommen? Soll ich Dankeskarten mit Bild und Namen als Beweis sammeln? Beweisen Dankeskarten, dass ich gut arbeite? Was ist denn, wenn ich keine bekomme? Weil die Eltern Karten nicht wichtig finden oder kein Geld dafür haben? Bin ich dann eine schlechte Hebamme? Was ist, wenn die Frau kein oder kaum Deutsch spricht? Muss ich die Fragebögen auf Polnisch, sämtliche Sprachen Afrikas, Arabisch oder Englisch bereithalten?

Möchte man ein Audit durchlaufen, um zertifiziert zu werden, zahlt man außerdem eine Menge Geld. Beim internen Audit darf ich mich selbst überprüfen. Ergebnis: Hm, mir fehlt noch ein Stick, um meine Daten vom Computer zu sichern. Dumm nur, dass ich immer vergesse, wo ich den Stick hinlege. Schön, dass die Krankenkassen Qualität sicherstellen möchten, indem ich meine Prozesse dokumentiere und meine Struktur darstelle. Die Patienten, besonders Eltern, interessiert es allerdings herzlich wenig, ob ich mir eine Zertifizierung eingerahmt an meine Wohnzimmerwand hänge. Die interessiert: ist die Hebamme nett, und mittlerweile, hat sie Zeit? Kompetenz wird erst mal vorausgesetzt. Vielen Dank an die Frauen und ihr Vertrauen!

Typischer Erstbesuch

Der Datenschutz hat mich zum Einknicken gebracht. Ich verteile jetzt Papiere: neben einem Verhandlungsvertrag auch noch die Datenschutzklausel und erkl?re, dass ich Patientendaten ordentlich verwahre und wie ich erreichbar bin. Damit komme ich auf vier Seiten, bevor die Schwangere in der 12. SSW beim ersten Besuch ?berhaupt wei?, was eine Hebamme eigentlich macht, also ich ?ber die Leistungen aufkl?re, die eine Schwangere in Anspruch nehmen kann. Ich erkl?re, dass ich nat?rlich nicht f?r Fragen am Wochenende angerufen werden m?chte, die auch am Montag gekl?rt werden k?nnen. Bei Fragen zur Kaufberatung, welcher Kinderwagen denn besser sei, h?rt mein Verst?ndnis f?r sorgenvolle Eltern auf. Dazu nehme ich am Samstag keine Stellung. Um zwei Uhr nachts hat mich zum Gl?ck noch niemand wegen der Bauchschmerzen eines Kindes angerufen. Die Eltern warten meistens bis sieben Uhr.

Am Ende des Besuches haben wir uns meist geeignet, dass ich die Wochenbettbetreuung ?bernehme und ich hefte brav das Papier ab, das die Frau unterschrieben hat. Ich muss die Dokumentation ja nur 30 Jahre aufbewahren, sicher vor Datenklau nat?rlich.

Abschied vom Perlenarmband

Im Krankenhaus gibt es nat?rlich auch QM. Da werden dann Zettel eingeschwei?t, QM konform abwaschbar. Das wichtigste an den Schulungen der Mitarbeiter ist, das sie ihre Unterschrift f?r die Schulung leisten.? Das ist das wichtigste, die Unterschrift f?r den Ordner, den man beim Audit vorlegt.

Im Krei?saal f?hrt QM dazu, dass die Namensarmb?nder, mit rosa oder blauen Perlen, nicht mehr QM konform sind und ein Plastikarmband mit Barcode umgelegt wird. Eigentlich sollen ja zwei angebracht werden, falls mal eins abf?llt. Schlie?lich muss man wissen, wer das Kind ist. Das Kind redet ja nicht. Bei Erwachsenen haben die B?nder nat?rlich auch Einzug gehalten. Beim Eintritt ins Krankenhaus gibt?s das all-inclusive Clubarmband.? Nach OP?s finde ich das generell auch sehr beruhigend, wenn ich mal nicht sagen kann, wer ich bin. Also, Kirsten – und nicht Heike, oder Claudia. Und dass der rechte Fu? operiert werden soll und nicht der linken, wurde ja hoffentlich vorher, QM konform, im OP laut angek?ndigt: Frau X kommt, linker Fu?, hier ist die Checkliste, Z?hne raus etc., Unterschrift, check! Mir w?rde es auch reichen, wenn mir der Arzt vorher die Hand sch?ttelt und das betreffende K?rperteil mit Kugelschreiber kennzeichnet. Dann kann ich meinen Namen und mein Anliegen auch kundtun: ?Ich bin?s! Karpaltunnelsyndrom rechts. Keine Zahnprothese. N?chtern. Bereit zum Schlafen!? Echt passiert.

Aus Zeitgr?nden wird aufs Perlenarmb?ndchen im Krei?saal verzichtet. Daf?r gibt?s ja ein schickes, wei?es Armb?ndchen mit Barcode, QM konform, damit niemand vertauscht wird. Die Armb?nder machen Sinn, unbestreitbar. Ich pers?nliche f?hle mich dabei aber vom Menschen zum Barcode degradiert und in meiner Pers?nlichkeit nicht wahrgenommen. Eltern finden es sehr schade, dass es die Perlenarmb?nder nicht mehr gibt. ?Die sahen so sch?n aus!?? Aber gegen die rationalen Begr?ndung, identifiziert werden zu m?ssen und Patienten vor Verwechslungen zu sch?tzen, stellt sich niemand entgegen. ?brigens, hei?er Tipp: man (Schwangere/Mann/Frau/Patient) kann die Armb?nder auch ablehnen. So anarchistisch d?rfen wir (noch) sein.

Nutzen ?und Unsinn des QM

Wo QM Sinn macht, beispielsweise um Verwechslungen im OP zu vermeiden, oder dass eine Hebamme in der Wochenbettbetreuung (?berhaupt) Dokumentationsb?gen benutzt oder regelm??ig ihre Hebammentasche kontrollieren muss, finde ich QM sogar richtig gut. Wenn ein Plastikarmband benutzt werden muss, damit die Barcodeetikette aufgeklebt werden kann, aber der Barcode gar nicht aufs Armband passt, weil das zu lang f?r ein Babyhandgelenk ist – dann finde ich QM unsinnig, ?berfl?ssig und st?rend. Wenn vor dem Audit gro?e Aufregung herrscht, ob auch alle Flaschen mit Anbruchdatum versehen sind und die K?hlschranktemperatur l?ckenlos dokumentiert wurde, dann find ich QM sinnlos. QM sollte bedeuten, dass die Arbeit besser wird und nicht, dass Listen ausgef?llt werden. Im Geburtshaus oder in einem Team von vielen Hebammen kann QM eine gute Sache sein, wenn mehrere Leute miteinander arbeiten. Aber f?r eine Einzelperson ist QM, wie es im Moment gefordert wird, sehr ?berzogen und nicht an uns Hebammen angepasst.

In n?herer Zukunft mag der Krankenkasse irgendwann der Gedanke kommen, ob die Hebammenausbildung ?berhaupt zur Wochenbettbetreuung, Hausgeburt oder ?hnliches bef?higt und demn?chst f?r jede au?erklinische T?tigkeit Zertifikate vorgelegt werden m?ssen. Also, erfolgt Wochenbettbetreuung nur noch durch zertifizierte Hebammen, Schwangerenvorsorge nur durch zertifizierte Hebammen, Geburtsvorbereitung etc., etc. Mittlerweile werden die Hebammen immer mehr, denen die Formalit?ten beim QM, die Abrechnungsmodalit?ten der Krankenkassen zuviel Aufwand sind und die Versicherungssummen viel zu hoch. Hier sehe ich QM als Hindernis zur Berufsaus?bung.

2 Kommentare

  1. Wo bekäme man dennnoch solche Perlenarmbänder? 🙁 dieim Krankenhaus sind ja aus anders als wie die s im Internet zu kaufen. Ich würde gerne noch welche haben

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