Norwegen – das Paradies für Hebammen und Schwangere?

Das Wetter in Oslo ist sehr gut- für Juni und für Norwegen. Ideal für einen Besuch in der Hauptstadt Norwegens. Ich sehe schwangere Frauen an jeder Ecke. Eindeutig sehr entspannt, mit runden Bäuchen, aber sehr schlank. Wie irgendwie die große Mehrheit der Norweger und der vielen Nicht-Norweger in Oslo. Ohne runden Bauch selbstverständlich. Und schon geht es bei mir los: Wie mag wohl Geburtshilfe in Norwegen aussehen?

Die nordischen Länder sollen geburtshilflich ja sehr gut sein. Vielleicht kann ich in diesem schönen Land mal arbeiten? Sozusagen- die deutsche Hebamme als Auswanderin. Mal nicht nach Mallorca, Kanada oder Thailand. Oder eher als Flüchtling vor der intensivmedizischen Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe Deutschlands in das entspannte Skandinavien. Ich bin kaum auf dem Rückflug, schon forsche ich nach Artikeln- Leben in Norwegen, Geburtshilfe, Erlebnisberichte von Deutschen. Die offizielle Seite des Gesundheitsdienstes listet schön übersichtlich die Schwangerenvorsorge auf. Ich bin ganz entzückt.

Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe in Norwegen

Entweder geht die Schwangere, wenn keine Risiken vorliegen, zur Schwangerenvorsorge zum Hausarzt oder zur Hebamme. Dafür sind minimal sieben Untersuchungen vorgesehen. In Deutschland hat der Mutterpass grundsätzlich schon 14 Spalten für die Vorsorgeuntersuchungen. Und wer kennt nicht die zusätzlich eingeklebten Seiten, weil der Platz nicht reicht? Weil vielleicht auch noch die Hebamme ein Wörtchen mitreden möchte und auch noch zusätzlich Vorsorgen macht. So was wie niedergelassene Gynäkologen gibt’s nicht in Norwegen. Da muss man krank sein. Und Schwangerschaft ist keine Krankheit. Schon mal gar nicht in Norwegen. Ein einziger Ultraschall ist zwischen der 17. bis 19. SSW angesetzt. Dafür muss die Schwangere ins Krankenhaus. Die Preise für privaten, zusätzlichen Ultraschall liegen da schon mal in der Privatklinik bei 200 € pro Schall. CTG ? Fehlanzeige. Gibt’s nicht in der norwegischen Vorsorge.

Sehr schön übersichtlich ist auf der offiziellen Seite von www.helsenorge.no. neben den Terminen zur Schwangerenvorsorge die UNICEF Stillanleitung in unterschiedlichen Sprachen aufgelistet. Stillen ist anscheinend der Heilige Gral in Norwegen. Fast 100% der Mütter stillen anfänglich, nach drei und vier Monaten werden die Norwegerinnen im Stillen nur von den Isländerinnen und den Ungarinnen überholt. Da bleibt deutschen Hebammen nur der Mund offen stehen. (Im Vergleich dazu beginnen nur knapp 89% aller Frauen in Deutschland das Stillen.) Ähnlich wie Nicht-Skifahren ist Nicht-Stillen wohl eine Todsünde. Zumindest in Norwegen.

Nach drei Tagen auf der Wochenstation geht es nach der Geburt nach Hause. Wochenbettbetreuung durch die Hebamme, wie in Deutschland, gibt es nicht. Die Kinder werden im ersten Lebensjahr drei Mal vom Hausarzt untersucht. Rückbildungsgymnastik ? Fehlanzeige. Meine Vermutung ist, dass alle Norwegerinnen gleich wieder Skifahren gehen.

Vorteile der norwegischen Geburtshilfe

Schwangerenvorsorge ist kostenlos und die Leistungen sind sehr übersichtlich aufgelistet. Die Empfehlungen zur Schwangerenvorsorge sind nicht überfrachtet mit Risikogedanken und endlosen Kontrollen. Unter der Geburt muss eine Eins-zu-Eins -Betreuung nachgewiesen nachgewiesen werden. Da fällt der deutschen Hebamme schon mal das Kinn runter über diesen „Luxus“. Wie machen die das bloß?  Eins-zu-eins-Betreuung heißt, dass die Hebamme in der aktiven Phase der Geburt nur eine Schwangere betreut. Ich nehme an, dass spätestens ab vier bis sechs cm Muttermundseröffnung, nachdem die Latenzphase vorüber ist (je nach Definition), eine Hebamme nur eine Frau betreut. Schierer Luxus in deutschen Kreißsälen. ?Auf der Arbeitsseite der Hebamme gibt es auch regelmäßig moralische Unterstützung durch die Vorgesetzte. Hatte die Hebamme eine anstrengende oder risikoreiche Geburt, so fragt die Vorgesetzte sehr zeitnah und von selbst, wie die Hebamme damit zu Recht gekommen ist. Auch Hebammen leiden unter Geburten, die stressreich verlaufen. Generell ist der Personalschlüssel im norwegischen Krankenhaus viel höher. Wie hoch, konnte ich nicht herausfinden. Und der Putzdienst wird am PC geordert. Also, kein Kreißsaalputzen in Norwegen. Als Hebamme kann ich mich immer mehr für Norwegen als Arbeitsland erw?rmen.

Nachteile der norwegischen Geburtshilfe

Anscheinend hat man in der Wahl des Arztes und der Hebamme nicht viel Spielraum. Das Personal ist reichlich, wird aber als eher unfreundlich beschrieben. Erfahrungsberichte deutscher Frauen, die in Norwegen Kinder bekommen haben, klingen auch nicht sehr positiv. (Norwegische Berichte kann ich halt nicht lesen.)? Die durchaus weiten Anfahrtswege im ländlichen Norwegen, in einem Bericht 134 km, sorgen für Unsicherheit, ob man nicht zu spät zur Geburt kommt. Auch wenn es in diesem Fall noch mehrere Stunden gedauert hat bis zur Geburt und die Schwangere nach der Ankunft im Krankenhaus noch einmal drei Stunden spazieren geschickt wurde. Stillen wird, wie bereits erwähnt, in Norwegen sehr groß geschrieben. Wer das nicht ö?chte, muss das wirklich ausdrücklich sagen. Und wer die endlosen Kontrollen mit Ultraschall und CTG aus Deutschland gewohnt ist, fühlt sich wohl schlechter behandelt, wenn man dieses Entertainment nicht bekommt.

Mütter sind in Norwegen am glücklichsten

Anscheinend tut der Staat Norwegen sehr viel für seine Familien. „Wenn es in Norwegen stressig wird, Kinder zu haben, ist es unser eigener Fehler. Das passiert eigentlich nur, wenn uns die Karriere zu wichtig ist, wenn wir Angst haben, nicht aufzusteigen. Wenn wir mehr Geld machen wollen. Die Regierung unterstützt uns sonst, wo es nur geht.“ laut Spiegelartikel. Das heißt ja noch lange nicht, dass die Frauen mit der Geburt und der Geburtshilfe zufrieden sind. Deutschland liegt in der „Mütterglücklichkeit“ ?brigens auf Platz 11.

Irgendwas muss an diesem Land dran sein. Wahrscheinlich macht es das Gesamtpaket.

Norwegisch lernen

Ich bin bei meiner Suche nach Arbeitsplätzen im Gesundheitsbereich mehrfach auf den Hinweis gestoßen, dass man in Norwegen zwar in allen Arbeitsbereichen mit Englisch hervorragend weiterkommt, dass man als Krankenschwester/Hebamme aber zwingend Norwegisch sprechen und schreiben muss. Sonst gibt es keinen Job. Verst?ndlich, wir wollen schließlich auch gerne auf Deutsch angesprochen werden, wenn wir im Krankenhaus sind. Also, Norwegisch lernen. Im Prinzip gibt es zwei Sprachen in Norwegen, Bokmal (mit einem o ?ber dem a) und Nynorsk. Dass es zwei Sprachen gibt in diesem Land, wo nur ca. 5 Millionen Einwohner leben, war schon etwas überraschend. Schön ist, dass Norwegisch mit Dänisch und Schwedisch verwandt. Die spreche ich zwar auch nicht, aber immerhin ist es eine germanische Sprache. Beim Lesen kommen schon die richtigen Gedanken. Die Aussprache bringt einen zur Verzweiflung.

Ohne Kreditkarte geht nichts

Kan jeg betale med kort????? Heißt natürlich: Kann ich mit Karte bezahlen?

Alle Europäer lieben Kreditkarten, außer die Deutschen. Wenn man aber abends um halb elf am Osloer Hauptbahnhof steht und eine Straßenbahnkarte erwerben möchte, kein Münzgeld hat, muss die Kreditkarte her. Schließlich sind wir brave Deutsche und fahren nicht schwarz. Beim Falafelmann- das Gegenstück zum heimischen Dönermann- bezahlt man natürlich auch mit Karte. Und die umgerechnet 7€ pro Falafel sind spottbillig. Der Burger nebenan kostet nämlich ebenfalls 7€ und macht nicht so satt. Ich gewöhne mich sehr schnell an die Kreditkarte. Selbst in der Kneipe zahlt man mit Karte. Was auch sinnvoll ist, da das Glas Bier umgerechnet 11€ kosten kann. Immerhin gibt es dafür kein Gedrängel an der Bar und man bleibt tendenziell nüchterner.

Das Leben der Norweger

Norwegen ist sehr reich dank des Erdöls. Norweger haben keine Touristen nötig. Ich vermute, dass deswegen die Preise so astronomisch sind. Es ist das teuerste Land in Europa. Man muss dort arbeiten, um sich Norwegen leisten zu können. Die Gehälter betragen das doppelt bis dreifache von deutschen Gehältern. Da kann man sich auch einen Falafel für 7€ leisten. Die astronomischen Preise für Alkohol hindern die Norweger nicht daran sich am Wochenende maßlos zu betrinken. Eine komische Darstellung der Besonderheiten des norwegischen Lebens zeigt das folgende Buch:

https://www.thesocialguidebook.no/products/the-social-guidebook-to-norway

Kritische Stimmen behaupten, dass Norweger Komplexe haben, weil sie sehr lange Zeit abwechselnd von Schweden oder Dänemark besetzt waren und nun ihre eigene Identität suchen. Dagegen sind sie sehr stolz auf ihre Dialekte und verwirren mit der Aussprache arme Ausländer. Zum Erlernen von Bokmal? (mit o ?ber dem a) kann ein kostenloser Kurs (mit Aussprachhilfe) helfen. Zumindest kann man dann fragen, ob man mit Karte bezahlen kann.

Kan jeg betale med kort?

https://www.ntnu.edu/now/info/guide

 

Zukunftsaussichten

Ich muss mich jetzt die nächsten zwei Jahre bemühen, Norwegisch zu lernen, sonst wird das nichts mit der Hebammenarbeit in Norwegen. Und Skifahren lernen. Ich habe mich schon mal theoretisch fürs Langlaufen mit einer Kollegin im nächsten Winter verabredet.

Hilfestellung für die Jobsuche und Formalit?äen gibt es hier.

2 Kommentare

  1. Hallo!
    danke für den interessanten Bericht.
    Ich bin Hebamme in Graz in Österreich und interessiere mich schon ewig für das Land Norwegen. Ich bin sehr interessiert in einem kleine Austausch, in der Art Praktikum für paar Tage, wo ich ein bisschen reinschnuppern könnte, wie in einem norwegischen Krankenhaus so gearbeitet wird. Hast du Kontakte zu leitenden Hebammen, bzw weißt du welche Kliniken besonders interessant wären?
    Ich würde mich über eine Antwort freuen 🙂
    Danke und liebe Grüße, Michaela Lachmayr

    1. Hallo liebe Michaela,
      ich komme erst sehr, sehr verspätet dazu dir zu antworten. Ich habe mich beruflich umorientiert und bin von der Klinik in die außerklinische Geburtshilfe gewechselt. Dadurch kann ich meinen, und den Wunsch der Frauen, nach 1:1 Betreuung endlich umsetzen!
      In den Zeiten von Corona sind Auslandspläne auch ziemlich auf Eis gelegt worden. Ich werde froh sein, wenn ich dieses Jahr zwei Wochen Urlaub irgendwo in Deutschland machen darf. Aber das war ja, zumindest bei uns in Deutschland, im Januar nicht mal absehbar, dass man keinen Schritt mehr ins Ausland, geschweige vor die eigene Tür setzen darf.
      Wenn wir also mal wieder alle quer durch Europa reisen dürfen:

      Also Hebammenstudentin kann man sich im ERASMUS Programm um finanzielle Förderung bemühen, wenn man als Studierende mal ins Ausland schnuppern möchte. Das ist ja durchaus nciht gerade billig, wenn man kein Einkommen hat.

      Als Hebamme sind leider wirklich gute Kenntnisse der norwegischen Sprache nötig. Wir möchten ja in Deutschland, Österreich oder der Schweiz im Krankenhaus ja auch nicht auf Englisch oder irgendeiner anderen Sprache als Deutsch (okay, Französisch, Italienisch mag bei euch gehen, bei uns nicht 😉 ) im Krankenhaus angesprochen werden.
      Als Praktikantin dürfte Englisch durchaus okay sein.
      Leider habe ich keine konkreten Ansprechpartner in Krankenhäusern, weil ich, wie erwähnt, eine „Auslandskarriere“ nicht mehr aktiv verfolgt habe. Ich würde dir aber raten, die Krankenhäuser direkt anzuschreiben. Praktika werden ja generell nicht ausgeschrieben. Darum muss man sich ja, leider, selbst sehr aktiv bemühen.
      Ich wünsche dir jedenfalls viel Erfolg bei der Suche!
      Liebe Grüße,
      Kirsten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.